Die Forschung im AfA

Die im AfA betriebene Forschung ist quellengesättigt und theoriegeleitet. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stehen die Vergesellschaftung des Agrarsektors in den westlichen Industriestaaten, die Ernährungsgeschichte in den Bereichen der Produktion, des Handels und der Verarbeitung sowie die Ausdehnung des wissensgeschichtlichen Ansatzes auf die Agrargeschichte. Das AfA publiziert seine Forschungsresultate auf Deutsch, Französisch und Englisch und führt (i.d.R. gemeinsam mit Partnern) wissenschaftliche Tagungen im In-und Ausland durch und vertritt die Schweiz in zahlreichen Gremien auf der europäischen Ebene. In Anerkennung „seiner internationalen Ausrichtung und Alleinstellung“ als Zentrum der historischen Agrarforschung verlieh die Deutsche Gesellschaft für Agrargeschichte 2014 dem AfA und seinem Leiter den AgrarKulturerbe-Preis.

 

Das von der Historiografie Ende der 1990er Jahre entwickelte Deutungsmuster der „Vergesellschaftung des Agrarsektors“in der Industriegesellschaft[1] ist in der im AfA durchgeführten Forschungstätigkeit auf der Grundlage neu erschlossener Quellen innerhalb und außerhalb der Schweiz vertieft und theoretisch weiterentwickelt worden.[2] Ging die schweizerische Geschichtsschreibung bis in die frühen 1990er Jahre davon aus, dass es den Bauern im Windschatten der am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Agrarromantik weitgehend gelungen sei, ihre Normen und Wertvorstellungen auf die Industriegesellschaft zu übertragen und damit ihre materiellen Interessen mittels einer agrarfreundlichen Zoll- und Subventionspolitik durchzusetzen, so beruhte der neue, auf der Auswertung umfangreicher Quellenbestände fußende Ansatz auf dem Verständnis, dass die vom Bund seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betriebene Agrarpolitik primär aus der Optik und im Interesse der Industriegesellschaft entstand und weniger eine Verbäuerlichung der Gesellschaft als vielmehr eine Vergesellschaftung der Landwirtschaft zur Folge hatte.[3] Nach dieser Lesart wurde die Landwirtschaft in der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis in die 1980/90er Jahren in den Dienst der Ernährungssicherung der inländischen Bevölkerung gestellt und die Agrarpolitik war in erster Linie Gesellschaftspolitik, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen wesentlichen Beitrag zur Ausgestaltung des fundamentalen Transformationsprozesses von der Agrar- zur Industriegesellschaft leistete. Das Signifikante am komplexen Prozess der Agrarmodernisierung im 19./20. Jahrhundert war demnach nicht die zeitweilige Prominenz der Bauern auf der ideologischen, sondern die Vergesellschaftung des Agrarsektors auf der realen Ebene, wurden im Verlaufe dieses Prozesses doch die Bauern sogar in den Dörfern zu einer kleinen Minderheit und die bäuerliche Nahrungsmittelproduktion von einem „individuellen Gewerbe zu einem sozialen Amt“ (Josef Mooser) – oder einem Service public.[4] Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, weshalb sich bäuerliche Organisationen im 20. Jahrhundert zunehmend als Verbände „mit offizieller Stellung und Zweckbestimmung“,[5] also ebenso sehr als Repräsentanten des „Bundeshofes Schweiz“ wie der Betriebe ihrer Mitglieder verstanden.[6]

 

Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung dieser Perspektive einer Integration des Agrarsektors durch seine Unterordnung unter die Bedürfnisse der Industriegesellschaft[7] leistete die Ausweitung der in der Historiografie lange fast ausschließlich von der Konsumseite her thematisierten Ernährungsgeschichte[8] auf die Bereiche der Produktion und der Verarbeitung der Nahrungsmittel. Dieser zweite Forschungsschwerpunkt des AfA hat mit der Thematisierung der vielfältigen Tätigkeitsfelder der Verbände, Institutionen und individuellen Akteure im Agrar- und Ernährungsbereich nicht nur die Kenntnisse über die an der Ernährungskette beteiligten Akteure und Institutionen signifikant erweitert,[9] sondern auch die ressourcenbedingten Unterschiede von Industrie und Landwirtschaft und deren Auswirkungen auf das Verhalten der Akteure und die Bildung von Institutionen im Industrie- und Agrarsektor in den Fokus gerückt.[10]

 

Zur Vertiefung der Erkenntnisgewinne über die komplexen Interaktionen von Industrie und Landwirtschaft wurde in einem dritten Forschungsschwerpunkt der wissenshistorische Ansatz auf die Agrargeschichte ausgedehnt. Im Rahmen eines größeren, vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojektes zur Genese der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft[11] im späten 19. Jahrhundert und deren Überlagerung durch ein industriell-agrarisches Wissensregime in den langen 1950er Jahren geht es primär um die Akteure, Diskurse und Praktiken im Bereich der landwirtschaftlichen Betriebslehre sowie der Tier- und Pflanzenzüchtung, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts maßgeblich daran beteiligt waren, die komplexe, von Konflikten ebenso wie von Kooperationen geprägte Interaktion zwischen der sich herausbildenden Industriegesellschaft und der bäuerlichen Landwirtschaft zu deuten und über die Genese, Verbreitung und Transformation oder auch Zurückweisung bestimmter Formen des Wissens laufend zu verändern. Die Ergebnisse werden in Form von Aufsätzen[12] sowie in der 2015 im Böhlau Verlag erscheinenden Monografie „Die Agrarfrage in der Industriegesellschaft“ publiziert.[13]

 

Im aktuellen Forschungsschwerpunkt des AfA geht es um eine Kulturgeschichte des Alkohols im 19./20. Jahrhundert. Dabei wird die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommende „Alkoholfrage“ als Teil einer Geschichte der modernen Industriegesellschaft verstanden. Analysiert werden die Strukturen, Konjunkturen und Wandel der staatlichen Alkoholpolitik, die untrennbar mit der Verwissenschaftlichung und den wachsenden sozialwissenschaftlichen und medizinischen Deutungsansprüchen verbunden ist und um die Jahrhundertwende durch sozialreformerische Bewegungen sowie Temperenz- und Abstinenzorganisationen überlagert wurde.

 

Neben der Durchführung einer quellengesättigten und zugleich theoriegeleiteten Forschungstätigkeit hat das AfA seine eigene Forschungspraxis wie auch diejenige von Nachwuchswissenschaftler/innen und Fachkolleg/innen aus dem In- und Ausland mit der Durchführung eigener Tagungen und der Teilnahme an Konferenzen kontinuierlich zur Diskussion gestellt.[14] Im AfA ging man immer davon aus, dass auch die auf der nationalen Ebene zu beobachtenden Strukturen und Prozesse nur vor dem Hintergrund ihrer transnationalen Verflechtungen verstanden werden können. Dementsprechend wichtig waren die inhaltlich und methodisch vergleichenden Arbeiten im Forschungsbereich[15] wie auch die Zusammenarbeit mit vergleichbaren Institutionen auf der europäischen Ebene.[16] So hat der Leiter des AfA, der in der Schweiz auch als Gutachter für den Schweizerischen Nationalfonds tätig ist, das Land von 2005 bis 2009 im Management Committee des COST-Programms „Progressore“ (Program for the Study of European Rural Societies) vertreten. 2013 war er zudem als Gastprofessor an die École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris tätig.

 

Durch seine Tätigkeit im Archivierungs- und Forschungsbereich sowie seine Präsenz in der in- und ausländischen Forschungscommunity der „rural historians“ ist das AfA in der Schweiz zum Zentrum der Geschichtsschreibung zur ländlichen Gesellschaft geworden. Die Anerkennung, die der Tätigkeit des AfA als Archivierungs- und Forschungseinrichtung im Ausland entgegengebracht wird, zeigt sich u.a. darin, dass die European Rural History Organisation (EURHO) ihre erste große Konferenz „Rural History 2013“ dem AfA und der (vom AfA initiierten) „Schweizerischen Gesellschaft für ländliche Geschichte“ (SGLG) zur Durchführung übertrug. An der „Rural History 2013“ leisteten mehr als 300 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Europa, Amerika, Asien und Afrika einen Beitrag.[17]



[1]Vgl. dazu Peter Moser, Eine „Sache des ganzen Volkes“? Überlegungen zum Prozess der Vergesellschaftung der bäuerlichen Landwirtschaft in der Industriegesellschaft, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte 1, 2000, S. 64-79.

[2]Vgl. z.B. Ders., Kein Sonderfall. Entwicklung und Potenzial der Agrargeschichtsschreibung in der Schweiz im 20. Jahrhundert, in: Ernst Bruckmüller/Ernst Langthaler/Josef Redl (Hg.), Agrargeschichte schreiben. Traditionen und Innovationen im internationalen Vergleich (Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2004), Innsbruck u.a. 2004, S. 132-153; Ders., Neue Perspektiven und Institutionen zur Analyse eines alten Gegenstands. Die Landwirtschaft in der wirtschaftshistorischen Geschichtsschreibung, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte 1, 2010, S. 60-74.

[3]Vgl. Werner Baumann/Peter Moser, Bauern im Industriestaat. Agrarpolitische Konzeptionen und bäuerliche Bewegungen in der Schweiz 1918-1968, Zürich 1999, S. 18f.

[4]Peter Moser, Die Agrarproduktion: Ernährungssicherung als Service public, in: Patrick Halbeisen/Margrit Müller/Béatrice Veyrassat (Hg.), Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, Basel 2012, S. 568-630.

[5]Peter Moser, Züchten, säen, ernten. Agrarpolitik, Pflanzenzucht und Saatgutwesen in der Schweiz 1860-2002, Baden 2003, S. 117.

[6]Für den Milch- und Getreidebereich vgl. Peter Moser/Beat Brodbeck, Milch für alle. Bilder, Dokumente und Analysen zur Milchwirtschaft und Milchpolitik in der Schweiz im 20. Jahrhundert, Baden 2007; sowie Moser, Züchten, säen, ernten.

[7]Vgl. Ders./Tony Varley (Hg.), Integration through Subordination. The Politics of Agricultural Modernisation in Industrial Europe (Rural History in Europe, Bd. 8), Brepols/Turnhout 2013.

[8]Zum Stand der Forschung im Ernährungsbereich am Ende der 1990er Jahre vgl. Jakob Tanner, Fabrikmahlzeit. Ernährungswissenschaft, Industriearbeit und Volksernährung in der Schweiz 1890-1950, Zürich 1999.

[9]Vgl. Juri Auderset/Peter Moser, Krisenerfahrungen, Lernprozesse und Bewältigungsstrategien. Die Ernährungskrise von 1917/18 als agrarpolitischer „Lehrmeister“, in: Thomas David u.a. (Hg.), Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschaftsgeschichte, Zürich 2012, S. 133-150; Martin Stuber u.a. (Hg.), Kartoffel, Klee und kluge Köpfe. Die Oekonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern OGG (1759-2009), Bern/Stuttgart/Wien 2009; Peter Moser, Mehr als eine Übergangszeit. Die Neuordnung der Ernährungsfrage im Ersten Weltkrieg, in: Roman Rossfeld/Thomas Buomberger/Patrick Kury (Hg.), 14/18. Die Schweiz und der Grosse Krieg, Baden 2014, S. 172-199; Ders., Landwirtschaft – im Sog des Konsums, in: Der Kanton Luzern im 20. Jahrhundert, Bd. 1, Zürich 2013, S. 347-368; Ders., Ein Dienstleister als Produzent. Der Verband Schweizerischer Konsumvereine und die Schweizerische Genossenschaft für Gemüsebau als Teil des Ernährungsprojekts im 20. Jahrhundert, in: Hans-Jörg Gilomen/Margrit Müller/Laurent Tissot (Hg.), Dienstleistungen. Expansion und Transformation des „dritten Sektors“ (15.-20. Jahrhundert), Zürich 2007, S. 63-79; Ders., Am Konsum orientiert, über die Produktion thematisiert. Schweizer Agrarpolitik als Ernährungspolitik 1914/18-1960, in: Ernst Langthaler/Josef Redl (Hg.), Reguliertes Land. Agrarpolitik in Deutschland, Österreich und der Schweiz 1930-1960, Wien 2005, S. 192-204.

[10]Vgl. Peter Moser, Zugriff auf die Lithosphäre. Gestaltungspotenziale unterschiedlicher Energiegrundlagen in der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte 3, 2013, S. 93-113.

[11]Der Begriff knüpft einerseits an Frank Uekötters „Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft“ an, weist andererseits jedoch explizit darüber hinaus, um deutlich zu machen, dass es in dieser Wissensgesellschaft neben dem landwirtschaftlichen auch einen industriellen Teil gab und dass beide wechselseitig aufeinander einwirkten. Vgl. dazu Juri Auderset/Beat Bächi/Peter Moser, Die agrarisch-industrielle Wissensgesellschaft im 19./20. Jahrhundert: Akteure, Diskurse, Praktiken, in: Brodbeck/Ineichen/Schibli (Hg.), Geschichte im virtuellen Archiv, S. 21-38; Frank Uekötter, Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft, Göttingen 2010.

[12]Vgl. Beat Bächi, Der „Muni-Krieg“. Stiersperma und Wandel der Zeit-Räume in der Viehzucht im 20. Jahrhundert, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte 2, 2014, S. 77-89; Ders., Chemopolitik und Reproduktionstechnologien: Hormone, Vitamine und Tranquilizer in der Rindviehzucht (1920-1985), in: Blätter für Technikgeschichte 74, 2012, S. 93-113; Moser, Zugriff auf die Lithosphäre, S. 93-113; Ders., Bohnen, Speck und Schnaps oder Weissbrot, Bananen und Salami? Über das Konflikt- und Kooperationspotenzial der Pidgin-Essenskultur auf Bauernhöfen in der Schweiz in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Lars Amenda/Ernst Langthaler (Hg.), Kulinarische „Heimat“ und „Fremde“. Migration und Ernährung im 19. und 20. Jahrhundert (Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2013), Innsbruck u.a. 2014, S. 109-122.

[13]Juri Auderset/Peter Moser, Die Agrarfrage in der Industriegesellschaft. Transformationen der Wissenskulturen, Machtverhältnisse und natürlichen Ressourcen in der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft im 19./20. Jahrhundert, Wien 2015 (in Vorbereitung).

[14]Vgl. dazu die Liste der Referate der AfA-Mitarbeitenden auf: www.agrararchiv.ch.

[15]Vgl. beispielsweise Peter Moser/Tony Varley, The State and Agricultural Modernisation in the Nineteenth and Twentieth Centuries in Europe, in: Diess. (Hg.), Integration through Subordination, S. 13-40; Dies., Corporatism, Agricultural Modernization and War in Ireland and Switzerland, 1935-1955, in: Paul Brassley/Yves Seghers/Leen van Molle (Hg.), War, Agriculture, and Food. Rural Europe from the 1930s to the 1950s, Routledge/London 2012, S. 137-155; Peter Moser, Unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeiten. Stadt und Land in Irland und der Schweiz 1800-1989, in: Franz-Werner Kersting/Clemens Zimmermann (Hg.), Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert, Paderborn 2015 (in Druck); Ders., Partizipation ohne Integration? Das gesellschaftspolitische Engagement der Bäuerinnen Elizabeth Bobbett und Augusta Gillabert-Randin in der Schweiz und in der Republik Irland, in: Norbert Franz/Jean-Paul Lehners (Hg.), Formen gesellschaftlicher Partizipation in Europa. Prozesse von Inklusion und Exklusion in Politik, Wirtschaft und Kultur (1750 bis 1950), Frankfurt/Main u.a. 2015 (im Druck).

[16]Besonders intensive Beziehungen werden vor allem mit dem Institut für Geschichte des ländlichen Raums (IGLR) in St. Pölten sowie mit dem University College Galway der National University of Ireland gepflegt.

[17]Zur Konferenz „Rural History 2013“ vgl. www.ruralhistory2013.org; zur Berichterstattung über die Konferenz: http://www.infoclio.ch/fr/node/130373.