Die Forschung im AfA

Die im AfA betriebene Forschung ist quellengesättigt und theoriegeleitet. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stehen die Vergesellschaftung des Agrarsektors in den westlichen Industriestaaten, die Ernährungsgeschichte in den Bereichen der Produktion, des Handels und der Verarbeitung sowie die Ausdehnung des wissensgeschichtlichen Ansatzes auf die Agrargeschichte. Das AfA publiziert seine Forschungsresultate auf Deutsch, Französisch und Englisch und führt (i.d.R. gemeinsam mit Partnern) wissenschaftliche Tagungen im In-und Ausland durch und vertritt die Schweiz in zahlreichen Gremien auf der europäischen Ebene. In Anerkennung „seiner internationalen Ausrichtung und Alleinstellung“ als Zentrum der historischen Agrarforschung verlieh die Deutsche Gesellschaft für Agrargeschichte 2014 dem AfA und seinem Leiter den AgrarKulturerbe-Preis.

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Forschungsprojekte im AfA

Semantiken agrarischer und industrieller Arbeit.

Arbeitswissen, Produktionsmetaphern und der Wandel der Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert

Im Zuge der Industrialisierung sind die Formen, Deutungen und Praktiken agrarischer Arbeit tiefgreifend transformiert worden. Was moderne, effiziente und produktive Arbeit sei, wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in erster Linie entlang industrieller Prämissen definiert. Die Übertragung dieser Vorstellungen auf den agrarischen Bereich war ebenso anpassungsbedürftig wie folgenreich.

Untersucht werden in diesem Forschungsprojekt die Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen industrieller und agrarischer Arbeit im 19. und 20 Jahrhundert. Die Geschichte der Arbeit ist in diesem Zeitraum bisher im Wesentlichen als eine Geschichte der industriellen Arbeit geschrieben worden. Damit ging eine gewisse Verengung des Blicks auf industrielle Produktionszusammenhänge und Formen der Erwerbs- und Lohnarbeit einher, der in der aktuellen Forschung wieder eine Öffnung erfährt. Kaum erforscht wurde bisher, wie sich landwirtschaftliche Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert in Wechselwirkung mit industriellen Arbeitsvorstellungen entwickelte, wie sich Mechanisierung und Motorisierung, betriebswirtschaftliches scientific management und neuzeitliche Rationalisierungsimperative auf die agrarischen Arbeitswelten auswirkten und wie sich Formen, Praktiken und Deutungen von Arbeit in diesen Kontexten veränderten.

Dieses Projekt entwickelt auf der Grundlage neu zugänglicher Quellenbestände eine neue Sicht auf die Geschichte der Arbeit, indem es nach der Einbettung der vielfältigen Formen agrarischer Arbeit in industriegesellschaftliche Kontexte fragt und die Verflechtungen, wechselseitigen Wissenstransfers und Aneignungsprozesse ins Zentrum rückt. Erkenntnisleitend ist dabei das Wirkungsgeflecht zwischen der Produktion und Implementierung von Arbeitswissen, den Semantiken von Arbeitsbegriffen und Produktionsmetaphern sowie den unterschiedlichen Potenzialen und Grenzen von biotischen bzw. mineralischen Ressourcen, mit welchen Arbeit in Landwirtschaft und Industrie in diesem Zeitraum primär zu tun hat.

Das Projekt integriert Ansätze der Wissensgeschichte und der Historischen Semantik mit einer quellennahen empirischen Herangehensweise. Durch die Ausleuchtung der facettenreichen Wechselwirkungen zwischen Arbeit in ruralen und urbanen, landwirtschaftlichen und industriellen sowie familienwirtschaftlichen und fabrikindustriellen Handlungskontexten wird sowohl ein Beitrag zum besseren Verständnis der Geschichte der Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert geliefert als auch ein Thema von hoher gesellschaftlicher Brisanz adressiert, generiert doch die bereits mehrfach diagnostizierte „Krise der Arbeit“ einen wachsenden historischen Deutungsbedarf für Arbeitsformen jenseits der „Norm“ industrieller Lohnerwerbsarbeit.

Geleitet wird das auf drei Jahre (2017-2019) angelegte Projekt von Peter Moser. Der Hauptbearbeiter, Juri Auderset, wird im Rahmen des Projekts als Visiting Scholar am Massachusetts Institute of Technology (MIT) tätig sein.

 

Rausch und Ordnung – zur Alkoholfrage und Alkoholpolitik im 19./20. Jahrhundert

In diesem Forschungsprojekt wird die in der zweiten Hälfte 19. Jahrhundert aufkommende „Alkoholfrage“ in den sich wandelnden gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontexten verortet. Ein Ziel des Forschungsprojekts besteht in der Historisierung eines gesellschaftlich umstrittenen Themas.

Thematisiert wird u.a. der Zusammenhang zwischen „sozialer Frage“ und „Alkoholfrage“ im Zuge des industriegesellschaftlichen Umbaus der ländlichen und städtischen Lebens- und Arbeitswelten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Verwissenschaftlichung der Alkoholfrage durch die wachsende sozialwissenschaftliche und medizinische Deutungsmacht um die Jahrhundertwende, das Aufkommen sozialreformerischer Bewegungen sowie Temperenz- und Abstinenzorganisationen, die Integration der Alkoholfrage in die Ernährungs- und Agrarpolitik nach dem Ersten Weltkrieg und deren Ausbau in der Zwischenkriegszeit, die Entwicklung neuer Konsummuster in der Wohlstandsgesellschaft der Nachkriegszeit, die gesundheitspolitischen Antworten auf sich wandelnde Trinkmuster sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen und das staatliche Verwaltungshandeln, welche diese umfassenden Prozesse jeweils begleitet und mitgestaltet haben.

 

Die agrarisch-industrielle Wissensgesellschaft

In diesem auf drei Jahre angelegten und vom Schwei­zerischen Nationalfonds zur Förderung der wissen­schaftlichen Forschung finanziell unterstützten Forschungsprojekt untersucht das Archiv für Agrar­geschichte die agrarisch-industrielle Wissens­gesellschaft im 19./20. Jahrhundert. Gegenstand des neuen Forschungs­projektes des Archivs für Agrar­geschichte ist die agrarisch-industrielle Wissensgesellschaft in der Schweiz seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als agrarisch-industrielle Wissens­­gesellschaft (AIW) werden jene Akteure, Institutionen und Diskurse bezeichnet, die seither an der Transformation und Weiterentwicklung des Agrarsektors massgeblich beteiligt waren und damit bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Industriegesellschaft ausübten. Von einer agrarisch-industriellen Wissens­gesellschaft sprechen wir deshalb, weil an diesem komplexen Entwicklungsprozess sowohl Akteure und Institutionen aus dem Agrarbereich als auch der Industriegesellschaft beteiligt waren, deren Wissenssysteme durch soziale und diskursive Interaktionsformen konstituiert wurden.

 

Entstanden ist die AIW, so die Ausgangsthese, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich zwischen der Industriegesellschaft und ihrem Agrarsektor ein ressourcenbedingtes Spannungsfeld bildete, weil sich als Folge der thermo-industriellen Revolution die Grenzen und Potenziale der Produktion im Agrar- und Industriebereich ungleich entwickelten. Die Akteure, die diesen grundlegenden Unterschied zwischen der Industriegesellschaft und ihrem Agrarsektor in der Mitte des 19. Jahrhunderts wahrgenommen haben, bilden gewissermassen den Kern der AIW. Zu ihr gehörten in der Folge sowohl diejenigen, die versuchten, die bäuerliche Landwirtschaft nach der Logik der Industriegesellschaft zu modellieren wie auch diejenigen, die diese Zugriffe aktiv zurückwiesen und bäuerlichen Entwicklungsvorstellungen zum Durchbruch verhelfen wollten. Zur AIW gehörten aber auch diejenigen Akteure und Institutionen, die sich zwischen diesen Polen bewegten und in der Folge die Modernisierung sowohl des Agrar- als auch des Ernährungssektors wesentlich prägten. In diesem, in der neueren Literatur auch als Prozess der "Integration durch Unterordnung" bezeichneten Wettbewerb um die Deutungshoheit über den "richtigen" Umgang mit der bäuerlichen Landwirtschaft spielten die Generierung, Verbreitung, Transformation und Verweigerung von Wissensformen eine zentrale Rolle. Dabei orientierte sich das identifizierte und propagierte "nützliche Wissen" zunehmend, aber nie ausschliesslich, an den für die Industriegesellschaft charakteristischen Technologien sowie den Formen der Arbeitsorganisation. Weil zudem immer wieder versucht wurde, auch die agrarische Produktion von der Nutzung lebender auf die Grundlage des Verbrauchs mineralischer Ressourcen zu stellen, ermöglicht eine Analyse der Wissensdiskurse in diesen drei Bereichen die wechselnde Zusammensetzung der AIW sicht- und damit als Untersuchungsgegenstand auch thematisierbar zu machen.

 

Gefragt wird in diesem Projekt nach den unterschiedlichen Wissensformen sowie der Bedeutung, die ihnen bei der Konstituierung und Entwicklung der AIW zukamen. Gefragt wird auch, wie sich die AIW sowohl auf den Agrarsektor als auch die Industriegesellschaft ausgewirkt haben und ob heute überhaupt noch von einer agrarisch-industrielle Wissensgesellschaft gesprochen werden kann – oder was allenfalls an ihre Stelle getreten ist?