Personen der ländlichen Gesellschaft – ein Online-Personenlexikon des Archivs für Agrargeschichte

Einleitung

Es sind Menschen, die einer Epoche, einem Thema oder einer Institution zu einem Gesicht verhelfen. Was wir über diese Menschen wissen, prägt auch unsere Vorstellung vom Agrarischen. Ähnlich wie das Wissen und das Nicht-Wissen über die Landwirtschaft generell, sind die Kenntnisse über die im Agrarsektor tätigen Menschen seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark von den politischen Auseinandersetzungen um die Funktion des Agrarsektors in der Industriegesellschaft geprägt. Die im bäuerlichen Alltag, bei der Arbeit mit Tieren, Pflanzen und Maschinen massgeblichen Akteure hingegen werden, ebenso wie diejenigen in den Labors, Verwaltungsgebäuden und Hörsälen, nur selten als Individuen wahrgenommen.

Bezeichnenderweise hat auch die Geschichtsschreibung bisher erst ansatzweise versucht, andere als unmittelbar politische Dimensionen des Agrarischen zu thematisieren und das vorhandene Wissen darüber zu systematisieren. Während Agrarpolitiker und einzelne Verbandsfunktionäre in der Literatur, insbesondere in den populären Nachschlagewerken wie dem Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) relativ gut dokumentiert sind, werden Bäuerinnen, Tier- und Pflanzenzüchter, Mägde, Filmschaffende, Händler, Agrarökonomen oder Beamte, um nur einige Kategorien zu nennen, selten zur Kenntnis genommen und erwähnt. Die fehlenden Grundkenntnisse über deren Herkunft, ihr Wirken und ihre Einflüsse auf den Alltag innerhalb und ausserhalb der Landwirtschaft tragen nicht wenig dazu bei, dass in der allgemeinen Geschichtsschreibung in der Regel davon ausgegangen wird, dass sie weder interessant noch relevant für die Entwicklung der Industriegesellschaft waren. Das zeigt sich etwa daran, dass wichtige, teilweise weit über die Schweiz hinaus aktive und relevante Akteure wie Alois Günthart (Günthart, Alois (1880-1964)--DB1398), Konrad von Meyenburg (Meyenburg, Konrad von (1870-1952)--DB2359), Emilie Dettwyler-Jecker (Dettwyler-Jecker, Emilie (1880-1951)--DB816) oder Françoise Fonjallaz (Fonjallaz, Françoise (1888-1966)--DB1084) in den gängigen Nachschlagewerken nicht erwähnt werden.

Ziel, Entstehungsgeschichte und Charakteristika

Das Ziel des Personenlexikons ist es, die in den Quellen zerstreut vorhandenen Informationen über die Tätigkeiten von Menschen, die sich mit agrarischen Themen beschäftigten, zu erfassen, zu systematisieren und zu biografischen Skizzen zu verdichten. Um dieses Wissen Forschenden, Journalisten, Studierenden sowie der Öffentlichkeit einfach zugänglich zu machen, wird zumindest ein Teil davon in dieser Online Version publiziert. Zu rund einem Viertel aller im Online-Portal verzeichneten Personen unterhält das AfA zudem ein internes Dossier, das zusätzliche Informationen enthält.

In einem ersten Schritt wurden biographische Informationen aus den vom AfA erschlossenen Archivbeständen gesammelt und zu einem Grundstock von Informationen über mittlerweile rund 5‘000 Frauen und Männer geformt. Diese Daten wurden mit der Auswertung von Zeitungen, Zeitschriften, Jahres- und Jubiläumsberichten sowie neu erschlossenen Archivbeständen ausgebaut und durch neue Personeneinträge laufend ergänzt. Sämtliche Einträge sind deshalb ausbaufähig – unabhängig davon, ob sie nur den Namen und eine Funktion der verzeichneten Person oder detaillierte Angaben zum Werdegang und eine Kurzbiografie enthalten. "Fertige" Artikel im Sinne eines klassischen Lexikonartikels gibt es im Online-Portal des AfA per definitionem keine. Im Bewusstsein, dass die Informationen über die erfassten Akteure aufgrund der sich erweiternden Quellenlage und neuer Forschungsresultate laufend ergänzt, korrigiert und revidiert werden können, werden solche Lexikonartikel auch gar nicht angestrebt.

Eine zweite Charakteristik des Online-Portals liegt darin, dass mit dem Einbau von Links, welche zu Einträgen anderer Akteure führen, sichtbar gemacht wird, dass Menschen nicht allein, sondern in Kooperation und Konkurrenz zueinander tätig sind. Über die Verlinkung werden familiäre, thematische und institutionelle Verbindungen sichtbar, die oft übersehen werden. Die Verlinkungen der Familie und der Nachkommen des Agronomen Hans Keller (Keller, Hans (1882-1941)--DB1873) illustrieren beispielsweise die Bedeutung familiärer Beziehungen in modernen Gesellschaften ebenso wie die Interaktionen zwischen eher theoretisch und eher praktisch ausgerichteten Akteuren. Thematisch helfen die Links, vielfältige, oft unerwartete Verbindungen sichtbar zu machen, wie das Beispiel von Mina Hofstetter (Hofstetter, Mina (1883-1967)--DB1638) zeigt. Die Pionierin des viehlosen, biologischen Landbaus hatte in der Zwischenkriegszeit nicht nur Kontakte zu Akteuren aus der Lebensreformbewegung und dem Biolandbau, sondern pflegte auch einen Austausch mit Agrikulturchemikern, Behördenvertretern, Erfindern von Landmaschinen, Feministinnen, Schriftstellerinnen und Buchhaltungsexperten. Über die Links lassen sich zudem persönliche Netzwerke identifizieren, die, wie beispielsweise im Falle von Max Kleiber (Kleiber, Max (1893-1976)--DB1937), auch dann anhielten, wenn die darin Beteiligten durch weit auseinanderliegende politische Grundhaltungen und/oder räumliche Distanzen getrennt waren.

Die dritte Eigenheit des AfA-Personenlexikons stellen die Links auf audiovisuelle Quellen dar. Wenn eine verzeichnete Person beispielsweise als Regisseurin, Schauspielerin oder Drehbuchautorin an einem Film zum agrarischen Filmschaffen beteiligt war und dieser Film über den Filmkanal des AfA zugänglich ist, dann kann dieser Film auch via den Link im Eintrag konsultiert werden (Koppé, Hedda--DB1995).

Von grosser Bedeutung sind die Links zudem für die oft als abstrakte Akteure wahrgenommenen Organisationen und Behörden. Sie erhalten über ihre in der Datenbank verzeichneten Repräsentanten ein anderes Gesicht – und bieten zugleich einen interessanten Einblick in ihre Personalpolitik in der Vergangenheit. 150 Organisationen, deren wichtigste Funktionsträger (Präsidentinnen, Direktoren, Vorsteher etc.) im Online-Portal für einen bestimmten Zeitraum lückenlos verzeichnet sind, werden deshalb zusätzlich aufgelistet. So können sich Nutzer und Nutzerinnen des Online-Portals beispielsweise ein Bild der Geschäftsführerinnen des Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes oder der Präsidenten der IP-SUISSE machen. In diesen Auflistungen wird auf einen Blick sichtbar, wer in der entsprechenden Organisation wie lange welche Funktion ausgeübt hat und wer die Vorgängerin oder der Nachfolger im angegebenen Amt war.

Weil Organisationen und Behörden im Verlaufe der Zeit ihre Namen immer wieder ändern oder mit anderen fusionieren, wird entweder die aktuelle (beispielsweise: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV)) oder wenn die Institution nicht mehr existiert, die seinerzeit korrekte Bezeichnung verwendet (beispielsweise: Eidgenössische Forschungsanstalt für Agrikulturchemie und Umwelthygiene, Liebefeld-Bern, 1897-1995). Die innerhalb einzelner Organisationen im Verlaufe der Geschichte wechselnden Funktionsbezeichnungen (Geschäftsführer, Direktor oder CEO) wurden der Klarheit halber in der Übersicht vereinheitlicht. Inhaltliche Angaben zu diesen Organisationen und ihrer Geschichte hingegen sind definitionsgemäss nicht Bestandteil des AfA Personenlexikons. Wer mehr über die Geschichte der Organisationen erfahren möchte, kann sich über die anderen Informationskanäle des AfA (Findmittel zu den Archivbeständen, Dokumentation, Bibliothek) kundig machen.

Aufbau der Artikel, Quellennachweise

Bei den Einträgen ist zwischen den standardisierten Abschnitten zur Person, ihren beruflichen und öffentlichen Tätigkeiten einerseits und dem offenen Abschnitt Kurzbiographie andererseits zu unterscheiden. Bei den standardisierten Feldern geht es darum, einzelne Angaben wie z.B. das Geburtsdatum, den Beruf und die Tätigkeit in Institutionen zu erfassen. Im Feld "Kurzbiographie" hingegen besteht die Möglichkeit, dass AutorInnen Aspekte zum Leben dieser Person ausführlicher beschreiben und aufgrund von Hintergrundwissen Verbindungen sichtbar machen, die aus den standardisierten Angaben nicht ersichtlich werden. Wenn immer möglich werden die Einträge mit einer Porträtfotografie ergänzt. Auch diese stammen in der Regel aus Publikationen und Archivbeständen, die im AfA greifbar sind. In der Rubrik "Quellen und Literatur" können Publikationen der entsprechenden Person aufgeführt oder Hinweise gemacht werden, wo deren Publikationen verzeichnet sind (beispielsweise im Helveticat, dem Bibliothekskatalog der Schweizerischen Nationalbibliothek). Im Eintrag wird denn auch explizit nicht die Erstellung einer vollständigen Bibliografie angestrebt. Weil die Informationen zu den einzelnen Beiträgen in der Regel aus einer Vielzahl von Quellen stammen, werden – wie in Personenlexika üblich – nur summarische Quellenverweise angebracht. Besteht im AfA zudem ein internes Dossier mit weiteren Angaben zur verzeichneten Person, ist in der Online-Version die Nummer dieses Dossiers, das im AfA konsultiert werden kann, verzeichnet.

Die Einträge sind das Resultat der im AfA von allen Mitarbeitenden kontinuierlich geleisteten Arbeit. Die Autoren und Autorinnen von Einträgen werden deshalb nur dort namentlich erwähnt, wo sie eine Kurzbiografie verfasst haben.

Welche Personen erhalten einen Eintrag im Lexikon?

Grundsätzlich kann jede Person in das Online-Portal aufgenommen werden, die einen Beitrag zur Praxis und Entwicklung der ländlichen Gesellschaft geleistet hat. Denn mit dem Personenlexikon soll auch die soziale Vielfalt illustriert werden. Zum Agrarischen gehören Bienenzüchter und Bäuerinnen genauso wie Direktoren, Dienstboten oder Agronomen. In vielen Fällen waren die Akteure in mehreren Gebieten zugleich tätig. So wird beispielsweise aus vielen Einträgen sichtbar, dass Repräsentanten von Tierschutz- oder Naturschutzvereinen oft zugleich Bauern waren und letztere sich oft in der Politik engagierten.

Bedingung für eine Aufnahme in das Personenlexikon ist, dass die Person eindeutig identifizierbar ist, d.h. der Name und mindestens eine Funktion/Tätigkeit von ihr bekannt sind. Zur eindeutigen Identifikation erhält jede verzeichnete Person eine fortlaufende Datenbank-Nummer. Nicht wenige von ihnen kamen aus einem urbanen Milieu und wohnten lange oder gar zeitlebens in einer Stadt. Die im Online-Portal verzeichneten Personen illustrieren denn auch weniger Gegensätze und Differenzen zwischen Stadt und Land als vielmehr die engen Verflechtungen. Dass auch lebende Personen in die Datenbank aufgenommen werden, hängt damit zusammen, dass einige von ihnen schon morgen eine historisch relevante Figur sein können. Sie stehen zudem immer in einer bestimmten historischen Tradition – auch dann, wenn sie sich dessen vielleicht nicht immer bewusst sind. Es ist deshalb wichtig, dass sie frühzeitig mit präzisen Angaben zu ihren Tätigkeiten im Netzwerk der Akteure verortet werden. Bei lebenden Personen werden lediglich Informationen zugänglich gemacht, die in der Öffentlichkeit bereits bekannt sind.

Verschlagwortung, geografische Verteilung

Die meisten der bisher in das Online-Portal aufgenommenen Personen waren in der Schweiz tätig. Mit dem Ausbau kommen jedoch zunehmend Akteure in die Datenbank, die ausschliesslich ausserhalb der Schweiz wirkten. Die Einträge werden deshalb nach Ländern verschlagwortet. Bei den in der Schweiz Tätigen werden zusätzlich die Kantone verzeichnet, in denen sie hauptsächlich tätig waren.

Suche

Der Eintrag zu einer bestimmten Person kann auf folgende Arten gefunden werden:

  • via die alphabetische Liste
  • via einen Link innerhalb eines bestehenden Eintrages
  • via ihre Funktion in einer der speziell aufgelisteten Organisationen
  • via Volltextsuche im Suchfeld

Unterschied AfA-interne und publizierte Version

In der AfA-internen Version der Datenbank werden die Artikel laufend erweitert. Die publizierte Version eines Artikels hingegen entspricht dem Artikel zum publizierten Zeitpunkt. Die online Version bildet deshalb in vielen Fällen nicht den aktuellsten Kenntnisstand über die entsprechende Person ab. Forschende können die aktuellsten, AfA-internen Versionen ebenso konsultieren wie die in Papierform oder elektronisch vorhandenen Personendossiers.

Interne Version Update: Täglich
Online Version Publikation: 2x pro Jahr

Metagrid

Das AfA ist Mitglied bei Metagrid, dem Vernetzungsprojekt der Schweizerischen Akademie der Geisteswissenschaften (SAGW). Jede im AfA Online-Portal verzeichnete Person, zu der eines der anderen Metagrid-Mitglieder Informationen online zur Verfügung stellt, ist deshalb mit dieser Institution verlinkt, so dass der Beitrag in der entsprechenden Institution mühelos konsultiert werden kann. Im Herbst 2018 haben rund 800 im AfA Online-Portal verzeichnete Personen einen Eintrag bei einer Institution, die ebenfalls Mitglied bei Metagrid ist (beispielsweise die Diplomatischen Dokumente der Schweiz (Dodis), das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) oder die Datenbank élites suisses der Universität Lausanne).

Zukunft des Online-Portals

Das mit der OpenSource Software MediaWiki umgesetzte Konzept des Online-Portals ist nahezu beliebig ausbaubar. Neben der laufenden Ergänzung der bestehenden Einträge wollen wir zunehmend auch Personen aufnehmen, die ausserhalb der Schweiz tätig waren. So können nicht nur Akteure im Ausland bekannt, sondern auch die transnationalen Beziehungen, die im Agrarsektor spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgesprochen intensiv gepflegt wurden, sichtbar gemacht werden. Der intendierte Ausbau hängt von den dem AfA zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen ab.

Rückmeldung, Kontakt

Wir sind aufmerksamen Leserinnen und Lesern des Online-Portals dankbar für allfällige Ergänzungen und Anregungen sowie Vorschläge für neue Einträge und Korrekturen zu den existierenden Angaben. Über die Integration von Informationen in die Personenartikel entscheidet das Archiv für Agrargeschichte unter Berücksichtigung der redaktionellen Richtlinien des Online-Portals. Rückmeldungen können via die online zur Verfügung stehenden Formulare eingereicht werden.

Unterstützung

Das AfA erhält keine finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand. Projekte wie das Online-Portal Personen der ländlichen Gesellschaft können nur realisiert werden, wenn sich Stiftungen, Private und wissenschaftliche Förderinstitutionen engagieren. Der Auf- und Ausbau des Online-Portals erfolgte bisher u.a. dank Beiträgen von: