Kleiber, Max (1893-1976)--DB1937

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Kleiber, Max (1893-1976)--DB1937

Picture

Person

Lebensdaten

04.01.1893-05.01.1976

Mädchenname, Herkunftsort bzw. Heimatort

Biel-Benken BL

Zivilstand, Konfession, Nachkommen

Verheiratet mit 1) Anna Kupfer (1888-1940); 3 Kinder: Marianne (1920-), Max Anton (1922-1925) und Margaretha (1926-); 2) Margaret Lee Maxwell; 3 Kinder: Pierre Maxwell (1944-), John (1946-1962), Joy Ann (1951-)

Soziale Herkunft, verwandtschaftliche Beziehungen

Sohn des Chemikers Anton Kleiber

Ausbildung, berufliche Tätigkeit und Funktionen in der Öffentlichkeit

Ausbildung

Dr. sc. tech. 1924; Ing. Agr. ETHZ, Studium 1911-1920; Landwirtschaftliche Schule Rütti-Zollikofen 1909-1911; Realschule in Basel

Berufsausübung

Universität von Kalifornien in Davis: Professor 1935-1958, Forschungsaufenthalt ab 1929; ETHZ, Institut für Haustierernährung: Mitarbeiter, zusammen mit Crasemann, Edgar (1896-1973)--DB746 Assistent bei Wiegner, Georg (1883-1936)--DB3802 1920-1929; Landwirtschaftliche Schule Strickhof: Hilfslehrer; Landwirtschaftliche Kolonie Alte Vogtei Herrliberg: Leiter 1918-1920; Farmarbeiter in Alberta, Kanada 1914

Funktionen in landwirtschaftlichen Institutionen

Schweizerischer Verband der Lehrer an Landwirtschaftlichen Schulen und der Ingenieur Agronomen (SVIAL): Mitglied (auch nach der Übersiedlung in die USA); Verein Ehemaliger Rüttischüler: Mitglied

Funktionen in anderen Institutionen

Artillerieleutnant/Dienstverweigerer

Funktionen in der Politik

Biographische Skizze

Max Kleiber wurde am 4. Januar 1893 in Zürich als Sohn des Chemikers Anton Kleiber und der Anna Brodbeck geboren. Nach dem Suizid seines Vaters 1902 zog die Familie nach Biel-Benken, das Heimatdorf der Mutter. Nach dem Besuch der Bezirksschule Therwil und der Oberen Realschule in Basel folgte der Besuch von zwei Jahreskursen an der landwirtschaftlichen Schule Rütti in Zollikofen, bevor Kleiber 1911 an der landwirtschaftlichen Abteilung der ETH Zürich sein Studium begann. Nach drei Semestern beschloss er mit zwei Bekannten nach Alberta, Kanada auszuwandern, um sich dort als Wald- und Landarbeiter durchzuschlagen; eine Erfahrung, die er im Rückblick als „an experiment in asocial isolation“ bezeichnete. 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde Kleiber zum Militärdienst einberufen und kehrte in die Schweiz zurück. 1917 verweigerte er als Leutnant der Artillerie aus sozialethischen Gründen den Militärdienst, weshalb er zu vier Monaten Haft verurteilt wurde. Dieser Prozess sorgte in der Öffentlichkeit für grosses Aufsehen, was nicht nur mit der beeindruckenden und veröffentlichten Verteidigungsrede Kleibers zu tun hatte, sondern auch mit dem Entschluss des Schweizerischen Schulrates, den Studenten Kleiber von der ETH auszuschliessen. In der Folge kam es zu studentischen Protesten gegen diese Entscheidung, im Nationalrat wurde der „Fall Kleiber“ zum Thema und in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften der Schweiz entbrannte eine Debatte, die sich mehrheitlich um die Frage drehte, ob der Ausschluss Kleibers aus der ETH gerechtfertigt gewesen sei und ob weltanschauliche Gründe die Beschränkung der Bildungsfreiheit rechtfertigten. Nachdem sich u.a. Ragaz, Leonhard (1868-1945)--DB4344 und Wiegner, Georg (1883-1936)--DB3802 für Kleiber eingesetzt hatte, wurde ihm gestattet, sein Studium an der ETH abzuschliessen, nachdem er die viermonatige Haftstrafe abgesessen und kurzfristig bei der Stadt Zürich eine Anstellung beim Landwirtschaftsdepartement erhalten hatte. Anschliessend leitete er ab dem November 1918 die landwirtschaftliche Kommune in Herrliberg, in der u.a auch Zogg, Jakob (1896-1974)--DB4576 tätig war. Der religiöse Sozialist Leonhard Ragaz hat Kleiber dem Besitzer des Gutes, Mayer, Bernhard (1866-1946)--DB4404, als Leiter vorgeschlagen. Mayer seinerseits, ein Pelzhändler und Kunstsammler, pflegte ein weites Beziehungsnetz in anarchistischen und künstlerischen Kreisen, das von Peter Kropotkin über Gustav Landauer, Erich Mühsam, Max Nettlau, Martin Buber, Franz Pfemert, Errico Malatesta bis zu Hardegger, Margarethe (1882-1963)--DB4578 reichte. Letztere, die bekannte Anarchistin und erste Sekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, hatte Kontakte zu verschiedenen Personen hergestellt, die in Herrliberg Arbeit und Unterkunft fanden und auch sie selbst lebte nach dem Generalstreik einige Monate in der von Kleiber geführten Kolonie. Auch mit „Joggi“ Herzog, Jakob (1892-1931)--DB4346 verband Kleiber eine freundschaftliche Beziehung, die ihren Ausdruck in einem regen Briefverkehr fand. Kleiber gehörte zu jenen Akteuren, die, wie Bernhard, Hans (1888-1942)--DB297, Gillabert-Randin, Augusta (1869-1940)--DB1259, Howald, Oskar (1897-1972)--DB1663, Keller, Hans (1882-1941)--DB1873, Käppeli, Josef (1872-1942)--DB1840, Jaeggi, Bernhard (1869-1944)--DB1758, Martinet, Gustave (1861-1928)--DB2277 und Müller-Albrecht, Leo (1883-1967)--DB2504 am Aufbau der neuen Ernährungs- und Agrarpolitik nach 1918 aktiv beteiligt waren. Kleiber gehörte zudem, zusammen mit Schmidt, Franz (1902-1947)--DB3161 zu einer Gruppe von Agronomen, die sich aus einer linken politischen Grundhaltung intensiv mit Agrar- und Ernährungsfragen auseinandersetzten. Wie Staudinger, Dora (1886-1964)--DB3416, Gerber, Max (1887-1949)--DB4154 und Gerwig, Max (1889-1965)--DB4153 publizierte Kleiber auch in der sozialistischen Zeitschrift Der Aufbau zu Agrarfragen. Nach seiner Emigration in die USA unterhielt Kleiber zu vielen Exponenten der religiös-sozialen Bewegung enge Beziehungen, so auch zu Wartenweiler, Fritz (1889-1985)--DB3729 und Frautschi, Ernst (1888-1985)--DB4719. In der Kolonie „Alte Vogtei“ wurde Kleiber mehrmals von Georg Wiegner besucht, der ihn davon zu überzeugen suchte, dass nicht die landwirtschaftliche Praxis seine Berufung sei, sondern wissenschaftliche Forschung. Nach Abschluss des Studiums setzte sich Laur, Ernst Ferdinand (1871-1964)--DB2092 dafür ein, dass Kleiber eine Stelle fand. Dazu kontaktierte Laur u.a. auch Landmann, Julius (1877-1931)--DB2072, mit dem er einen regen Gedankenaustausch pflegte. In der Folge wurde Kleiber, der auch an der Landwirtschaftlichen Schule Strick unterrichtete, Assistent am Agrikulturchemischen Institut der ETH, wo er 1924 mit einer Dissertation „Über die elektrische Konservierung von saftigem Futter (Elektroensilierung)“ bei Wiegner promovierte. Auf dem Strickhof lernte Kleiber neben Bernhard, Hans (1888-1942)--DB297 auch Schmid, Walter (1895-1985)--DB4490 kennen, der ihn 1935 in Davis besuchte und in seinem Film über die Mechanisierung der Landwirtschaft in den USA über Kleibers Arbeit berichtete. 1924 wurde auf Anregung und Förderung von Ernst Laur an der ETH das Institut für Haustierernährung gegründet und Kleiber wurde zusammen mit Edgar Crasemann zu dessen Leiter ernannt. 1925 wurde er Mitglied des Schweizerischen Vereins analytischer Chemiker. Gleichzeitig begann er sich intensiv mit Fragen des Energiehaushaltes der Tiere zu beschäftigen, was seinen Niederschlag in der Konstruktion von Respirationsapparaten und in seiner 1928 eingereichten Habilitation „Studien über Futterbewertung und Futterwirkung“ fand. Noch im gleichen Jahr erreichte ihn eine Anfrage von George Hart, Dekan der Abteilung für Tierzucht der University of California in Davis, ob er sich an der Konstruktion und Überwachung einer Respirationsanlage für Kühe beteiligen möchte. In Kalifornien begann Kleiber mit dem Bau der Respirationsanlagen und veröffentlichte auf der Grundlage der dadurch erarbeiteten Ergebnisse zahlreiche Fachartikel. 1935 wurde er zum Professor für Tierhaltung an der University of California ernannt. In der Schweiz führte v.a. Bickel-Fehr, Hans Jakob (1925-1996)--DB333 die Arbeiten von Kleiber weiter. Obwohl sich Kleiber geographisch von der Schweiz entfernt hatte, blieb er über persönliche Netzwerke und über die Kommunikationskanäle, die ihm die landwirtschaftliche Publizistik und Vereinigungen wie der Schweizerischen Verband der Lehrer an Landwirtschaftlichen Schulen und der Ingenieur-Agronomen boten, mit dem schweizerischen Wissenschaftsbetrieb verbunden. Er kehrte regelmässig in die Schweiz zurück und korrespondierte regelmässig mit ehemaligen Lehrern und Kollegen an der ETH wie Laur, Ernst Ferdinand (1871-1964)--DB2092, Wiegner, Georg (1883-1936)--DB3802 oder Frey-Wyssling, Albert (1900-1988)--DB1122. Nachdem mit der Auslösung der ersten nuklearen Kettenreaktion 1942 das Atomzeitalter begonnen hatte, sah sich Kleiber einer ambivalenten Konstellation ausgesetzt: Einerseits faszinierte ihn der wissenschaftliche Fortschritt, für den die Beherrschung atomarer Energie durch den Menschen ein wirkungsvolles Symbol fand, andererseits hatten Hiroshima und Nagasaki in tragischer Weise unter Beweis gestellt, wie schnell sich wissenschaftlicher Fortschritt in Tötungseffizienz übersetzen liess. Kleibers wissenschaftlicher Forschungsdrang und seine pazifistische Grundhaltung schienen vor dem Hintergrund der Atomfrage eine kaum zu überwindende Spannung zu bilden. Kleiber engagierte sich in der Folge stark für die friedliche Nutzung atomarer Energie, insbesondere unternahm er mit seinem Forschungsteam in Davis Stoffwechseluntersuchungen mit radioaktiven Isotopen. Zeitgleich beschäftigten Kleiber auch ausserhalb der Wissenschaftsbetriebs Fragen der Ethik und des Friedens im Schatten der nuklearen Bedrohung. Kleibers Forschungen fanden in über 200 Publikationen ihren Niederschlag, seine wichtigsten Erkenntnisse sind in seinem Buch „The Fire of Life“ zusammengefasst und er erhielt für seine wissenschaftliche Arbeit zahlreiche Ehrungen. So wurde ihm etwa 1952 der Bordon Award, 1953 der Morrison Award und 1961 der Ehrendoktor der University of California, Davis verliehen. 1962 wurde ihm zu Ehren ein neuer Hörsaal in Davis „Kleiber Hall“ genannt.

Quellen und Literatur

Eigene Publikationen

1917: Verteidigungsrede eines Dienstverweigerers (=Sozialistische Jugendbibliothek, Heft 13), Zürich [o. J.], ebenfalls abgedruckt in: Neue Wege 11 (1917), S. 259-266

  • 1920: Die Ausbeutung in der Landwirtschaft, in: Der Aufbau. Sozialistische Wochenzeitung 1920, S. 67-68
  • 1923: Zur Silagebereitung und Silagefütterung, in: Schweizerische Landwirtschaftliche Zeitschrift, 1923, S. 1277-1281
  • 1923: Sterilisieren von Most mittelst elektrolytischer Heizung, in: Schweizerische Landwirtschaftliche Monatshefte 1, S. 125-128
  • 1924: Über die elektrische Konservierung von saftigem Futter (Diss.)
  • 1925: Lebensgefährdung durch den elektrischen Strom, in: Schweizerische Landwirtschaftliche Monatshefte 3, S. 224-229
  • 1926: Gasanalyse bei Respirationsversuchen, in: Mitteilungen aus dem gebiete der Lebensmitteluntersuchung und Hygiene, Vol XVII, 1926, S. 327-333.
  • 1928: Studien über Futterbewertung und Futterwirkung (Habilitation)
  • 1935: Energie-Ausnutzung in der Landwirtschaft, in: Schweizerische Landwirtschaftliche Monatshefte 13, S. 225-233
  • 1955: Die Kuh im Zeitalter der Atomspaltung, in: Schweizerische Landwirtschaftliche Monatshefte 33, S. 285-296
  • 1956: Rückwärts oder vorwärts vom Stärkewert?, in: Schweizerische Landwirtschaftliche Monatshefte, Heft 1, Januar 1956, Sonderheft zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Edgar Crasemann, S. 6-10
  • 1961: The fire of life (dt. Übersetzung 1967: Der Energiehaushalt von Mensch und Haustier)
  • 1967: Prefatory Chapter: An old Professor of Animal Husbandry Ruminates, in: Annual Review of Physiology 29, S. 1-20

Quellen

  • Archivbestand Landwirtschaftliche Schule Rütti (AfA Nr. 140)
  • Zu einer Dienstverweigerung, in: Berner Tagwacht vom 7. Juli 1917
  • Zum Fall Kleiber, in: NZZ vom 12.7.1917, 14.7.1917, 17.7.1917, 19.7.1917
  • Ragaz, Leonhard: Der Fall Kleiber im Nationalrat, in: Neue Wege 11 (1917), S. 577-579
  • Schweizerische Landwirtschaftliche Monatsheft 33 (1955), S. 285
  • Schweizerische Landwirtschaftliche Monatshefte 54 (1976), S. 122-126
  • Frey-Wyssling, Albert: Lehre und Forschung. Autobiographische Erinnerungen, Stuttgart 1984
  • Schürch, Alfred: Prof. Dr. Max Kleiber zum 100. Geburtstag, in: Landwirtschaft Schweiz 6 (1993), S. 187-191
  • Zihlmann-Lovric, Viktor: Ein Baselbieter Professor der Veterinärwissenschaften in den USA. s Brodbegge Max, in: Baselbieter Heimatblätter 58 (1993), S. 1-12
  • Black, Arthur Leo, Kaneko, Jiro Jerry, Smith, Arthur Hamilton (Ed.): A Festschrift Commemorating the Centennial of the Birth of Max Kleiber, Davis CA 1993
  • Vollenweider, Christoph: Die Geschichte der alten Vogtei - ein Spiegelbild der Gesellschaft, in: Herrliberger Kalender 1995
  • Mayer, Bernhard: Interessante Zeitgenossen. Lebenserinnerungen eines jüdischen Kaufmanns und Weltbürgers 1866-1946, Konstanz 1998, S. 78-80
  • Kleiber, Max, in: Biographische Dossiers, Archiv der ETH Zürich
  • AfA Personendossier Nr. 430

Schlagworte

Suisse - SchweizKanton Zürich

Artikel erarbeitet von

Juri Auderset, Peter Moser


Zitiervorschlag - Proposition de citation

Deutsch: Kleiber, Max (1893-1976)--DB1937, AfA Online-Portal Personen der ländlichen Gesellschaft, Version vom August 2018, konsultiert am .

Français: Kleiber, Max (1893-1976)--DB1937, AHR Portail en ligne Personnes du monde rural, version d'août 2018, consulté le .

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